Girls'Day und Boys'Day

Von Baggern und erfolgreichen jungen Frauen

Mädchen werden Bürokauffrau, Jungs Mechatroniker: Noch immer sind die beliebtesten Ausbildungsplätze nach klassischen Geschlechterklischee aufgeteilt. Der heutige „Girls' und Boys' Day“ soll Jugendlichen einen Einblick in die Berufswelt ermöglichen - und mit dem alten Rollenbildern aufräumen. Wir haben drei junge Frauen getroffen, die erfolgreich in Männerberufen arbeiten – und sich pudelwohl dabei fühlen.

Frank Rogner

Nadja Bochinsky, Baggerführerin im Braunkohletagebau Garzweiler. Nadja Bochinsky, Baggerführerin im Braunkohletagebau Garzweiler.
25.04.2013
  • Von: Julia Osterwald, Andrea Lammert, Regine Suling

Nadja Bochinsky ist Großgeräteführerin im Tagebau Garzweiler. Sie ist damit verantwortlich für den 8000 Tonnen schweren Bagger und die tägliche Förderung von Braunkohle von bis zu 110.000 Kubikmetern.

"Ich dachte immer, Frauen können nicht auf den Bagger. Im Tagebau in Garzweiler sind alle Baggerführer Männer. Und jetzt bin ich schon seit fünf Monaten dabei, als erste Großgeräteführerin. Ursprünglich habe ich bei RWE Industriemechanikerin gelernt.

Dann hat mich mein Betrieb für einen fünfmonatigen Fachlehrgang zur Großgeräteführerin vorgeschlagen. Ich wollte das unbedingt. Und nun habe ich gerade meine Prüfung abgelegt – und bestanden. Im Februar habe ich mit der Ausbildung angefangen. Ich bin zweimal in der Woche zur Schule gegangen, dort habe ich gelernt, wo die Schalter und Notschalter sind und wo man sich einquetschen kann.

© Julia Osterwald / Frank Rogner

Aber so richtig lernt man das Gerät erst kennen, wenn man es bedient. Ich bin auf der Beladung angelernt worden, dort verteile ich den Abraum, den der Bagger abträgt, auf die Bandanlage. Aber ich fahre auch den Bagger. Das ist immer noch aufregend.

Obwohl mittlerweile vieles per GPS angezeigt wird, muss man aufpassen, dass die Arbeitsabläufe funktionieren. Außerdem ist so ein Achttausend-Tonnen-Bagger ja kein Auto, sondern ein Millionen-Gerät, für das ich die Verantwortung trage, da muss man sich konzentrieren.

Manchmal verstopfen große Brocken den Trichter, durch den der Abraum transportiert wird. Dann muss ich das Band stoppen und die Brocken mit dem Kran rausholen. Oder es geht irgendwo anders am Bagger etwas kaputt.

Am Anfang haben die Männer die Poster mit nackten Frauen im Mannschaftsraum abgehängt oder wollten mir Arbeit abnehmen. Sie sagen auch schon mal 'Prinzessin' zu mir. Aber ich will nicht anders behandelt werden. Die Poster habe ich wieder aufgehängt und Arbeit lasse ich mir auch nicht abnehmen. Ich packe lieber mit an."


Michael Cintula

Jil Topcu ist Fachkraft für  Schutz und Sicherheit bei Infracor in Marl.
 Bei Infracor in Marl kommt keiner an Jil Topcu vorbei: Als  Fachkraft für Schutz und Sicherheit kontrolliert sie jeden, der aufs Gelände will. Schon als Kind wollte die 26-Jährige Polizistin werden. Heute geht sie Streife für den Werkschutz - und ist seit 1938 die erste Frau in diesem Beruf im Chemiepark Marl.

"Viele denken, Fachkraft für Werkschutz ist ein reiner Männerberuf. Auch bei uns im Chemiepark Marl gab es seit Bestehen nur Männer auf diesem Gebiet. Bis ich vor sieben Jahren als erste weibliche Verstärkung dazukam.

Ich wollte schon als Kind Polizistin werden. Das war mein großer Traum. Immer nur im Büro zu sitzen und auf einen Bildschirm zu schauen, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich brauche einen abwechslungsreichen Beruf – den habe ich hier im Werkschutz gefunden. Und eigentlich ist die Tätigkeit ganz ähnlich wie bei der Polizei.

Man geht auf Streife übers Gelände, es kommt hin und wieder zu Verkehrsunfällen, und manchmal müssen wir auch Diebstählen nachgehen. Mit den 15 000 Beschäftigten ist es hier wie in einer kleinen Stadt. Fachkraft für Werkschutz ist mein Traumberuf. Ich komme viel mit Menschen zusammen. Und ich kann mein detektivisches Talent nutzen, um bei der Aufklärung kleiner Delikte zu helfen.

Michael Cintula

Jil Topcu ist Fachkraft für  Schutz und Sicherheit bei Infracor in Marl.
Es ist ein gutes Gefühl, seit 1938 die erste Frau im Werkschutz zu sein. Insgeheim wussten alle längst um die Lücke: Männliche Besucher wurden kontrolliert, gerade wenn sie in empfindliche Bereiche des Geländes gingen. Forschungsergebnisse und Firmengeheimnisse sollten schließlich im Chemiepark bleiben. Aber die Frauen, die oftmals noch dazu die größeren Taschen hatten, hatte bislang niemand überprüft. Ich war sozusagen die Pionierin im Marler Werkschutz.

Nach mir kamen noch sechs weitere weibliche Auszubildende. Ich finde, gemischte Teams sind eine Bereicherung für den Arbeitsplatz. Mittlerweile sehen das auch meine männlichen Kollegen so. Nicht nur der Umgang untereinander wird höflicher, die verschiedenen Sichtweisen bringen auch neuen Wind in alte Arbeitsabläufe."


Stefan Koch

Jenny Gabauer  ist Verfahrensmechanikerin bei ContiTech in Korbach.
 Jenny Gabauer arbeitet als Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschuktechnik bei der ContiTech im hessischen Korbach. Die Arbeit an der Maschine und gestylte Fingernägel sind für sie kein Widerspruch. 

"Ich arbeite als Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschuktechnik bei der ContiTech im hessischen Korbach, immer abwechselnd in der Früh-, Spät- oder Nachtschicht. Wir sind 3500 Beschäftigte hier am Standort und produzieren Reifen für Autos, Gabelstapler und Fahrräder.

Ich bin stolz auf 'meine Maschine', eine Extrusionsanlage. An ihr werden Innen- und Außengummis hergestellt, die hinterher als Kraftstoffschläuche im Motorraum eines Autos landen. Aber vorher muss ich darauf achten, dass die Gummimischung und die Temperatur der Maschine stimmen.

Das ist mein Teil der Arbeit, bevor der Extruder zum Einsatz kommt: Ich gebe das entsprechende Rezept für die Gummimischung in den Computer ein und sorge dafür, dass der Stempel des jeweiligen Kunden auf dem Gummi landet. Die Arbeit erfordert viel Sorgfalt und einige schnelle Handgriffe, aber für mich ist es einfach meine Arbeit. Ich wollte nicht in einem Büro herumsitzen, und das hier hörte sich interessant an.

Stefan Koch

Jenny Gabauer arbeitet als Verfahrensmechanikerin für Kunststoff- und Kautschuktechnik bei der ContiTech.
 Die Arbeit an der Maschine und gestylte Fingernägel sind für mich kein Widerspruch – ich empfinde meine Arbeit auch nicht als ausdrückliche Männerarbeit. Wir machen hier keine Unterschiede zwischen typischen Tätigkeiten für Männer oder Frauen. Ich fühle mich bei meinen männlichen Kollegen sehr integriert. 

Neben meiner Arbeit engagiere ich mich in meiner IG-BCE-Ortsgruppe und in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) am Standort, in der Gesamt-JAV der Rubber Group, zu der die ContiTech gehört, und demnächst vielleicht auch noch in der Konzern-JAV. Ich arbeite gerne mit den Azubis zusammen. So kann ich durchsetzen, was für die jungen Leute interessant und wichtig ist. Das ist das, was ich möchte."

 

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